Interview for Wien Live!
Unit F hört auf. Nach 13 Jahren Modeförderung mit Forderung geht das Team neue Wege. Zum Abschied beschert Unit F seinem Publikum und seinen Partnern ein letztes Festival for Fashion & Photography, dem programmatisch ein herzliches „friendly“ vorangestellt wurde. Von 20. bis 22. November wird im MAK noch einmal fast alles neu – vor allem wird es keine Modeschauen geben, sondern spannende Installationen. AFA, EVOQUE NextGen Award und departure fashion night bleiben indes. Wir aber bleiben in erster Linie gewogen – und freuen uns auf viele weitere Inspirationen und Musenküsse des bald ehemaligen Unit F-Teams.
13 Jahre lang setzten sie mit Unit F und dem Festival for Fashion & Photography wesentliche Impulse in der österreichischen Modelandschaft. Im November treten Ulrike Tschabitzer-Handler und Andreas Oberkanins mit einem Paukenschlag ab: Die Bilanz zum Schluss:
Das erste Festival for Fashion & Photography fand 2006 statt. Welche Idee steckte damals hinter dem ambitionierten Projekt?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Ich glaube, Initialzündung war das Festival International de Mode et de Photographie in Hyères/Südfrankreich, das wir 2000 zum ersten Mal besucht haben. Wir waren einfach von der Idee begeistert, ein Avantgarde-Modedesign-Festival für Wien zu konzipieren und umzusetzen. Wir hatten die fixe Idee im Kopf und die Leidenschaft im Herzen, den besten österreichischen Designern eine spannende Visualisierungsplattform in Wien zu bieten. Wir wollten die Stadt mit der Idee infizieren und die Medien auf österreichisches Design aufmerksam machen und den Endkunden dazu bringen, endlich österreichische Mode zu tragen.
Andreas Oberkanins: So haben wir 2002 damit begonnen, eine erste, kleine, geladene Veranstaltung zur Verleihung der jährlichen Modepreise auszurichten. Diese entwickelte sich in der Folge zur Austrian Fashion Week und 2006 dann zum Festival for Fashion & Photography.
Seither sind einige Jahre vergangen, wie hat sich das Festival inhaltlich verändert?
Andreas Oberkanins: Das Festival hat sich immer weiterentwickelt – wir haben einerseits versucht, viele Aspekte des Themas „Mode im Netz“ in Form von international besetzten Talks aufzuarbeiten. Im Jahr 2008 haben wir begonnen, uns dem Thema Modefilm zu widmen und einen Teil der Shows in Form von Modevideos präsentiert. Wir sind auch bei der Kampagne dazu übergegangen, den Spannungsbogen von Mode und Kunst auszuloten und haben so immer wieder mit spannenden Künstlern wie Erwin Wurm oder Elke Silvia Krystufek zusammengearbeitet.
Neben der Mode wurde immer auch dem Medium Fotografie breiter Raum gewidmet. Warum war Ihnen das so wichtig?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Wir hatten in unserem ersten Büro in der Gumpendorfer Straße 10-12 eine kleine „Hausgalerie“ – in der haben wir über fünf Jahre hindurch kleine Ausstellungen zum Thema Modefotografie gemacht. Wir sahen, dass die Fotografen keine Präsentationsplattform hatten, deshalb haben wir uns dazu entschieden, der Fotografie einen großen Platz einzuräumen, da gerade sie ja die Visualisierungsform ist, die traditionell der Mode am nächsten steht.
Wenn man die heimische Modeszene so intensiv kennt wie Sie: Wie und wohin hat sie sich in den letzten 10–15 Jahren entwickelt?
Andreas Oberkanins: Ja, da ist wirklich viel passiert. Als wir begonnen haben, wussten wir gar nicht, auf welches Experiment wir uns da einlassen. Wir waren mehr als ideologisch und fanatisch – wir wollten einfach eine spannende Modeplattform aufbauen. Am Anfang gab es einige wenige Designer, z.B. fabrics interseason, Wendy&Jim oder Claudia Brandmair – wir haben die ersten Austrian Fashion Awards im Keller in der Gumpendorferstraße vor 100 Leuten vergeben. Im Laufe der Jahre sind immer mehr Labels und andere Modeinitiativen entstanden – heute gibt es in Wien eine vielfältige Szene.
Welchen Anteil hat die Arbeit von Unit F daran?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Wenn man sich unseren Tätigkeitsbericht ansieht – der im November erscheint –, bekommt man einen guten Eindruck, wie sehr wir die Modeszene in Wien beeinflusst haben (lacht). Wir waren manisch und haben von Museen über Galerien bis hin zu offspaces, Zeitungen, Magazine, öffentliche Förderer und die Privatwirtschaft mit der Idee der Visualisierung von Avantgardedesign infiziert. Wir hatten „österreichische Mode“ auf der Stirn – wenn wir die Türe zu einem Büro aufmachten, wussten schon alle, wir kommen für die österreichische Modeszene schnorren (lacht).
Andreas Oberkanins: Womit wir schlussendlich auch sehr erfolgreich waren, immerhin haben wir zusätzlich zum verhältnismäßig kleinen Budget von rund vier Millionen Euro, das insgesamt in 13 Jahren aus öffentlichen Förderungen kam, noch einmal über 5,6 Millionen aus eigener Kraft erwirtschaftet, das ganze Sachsponsoring gar nicht mitgezählt. Ohne diese zusätzlichen Gelder hätten wir eigentlich kaum Spielraum gehabt, Projekte zu entwickeln.
Jedes Land, das als Modeland wahrgenommen wird, hat auch diesbezügliche „Aushängeschilder“. Österreich hat seit Helmut Lang kein solches mehr hervorgebracht. Sehen Sie eines in der Zukunft?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Die Zeit, in der Helmut Lang groß wurde, war eine andere, da gab es kein zentralistisch von wenigen Konzernen gesteuertes Modesystem, ich sag das jetzt mal so spitz! Ich glaube, heute ist es ohne gutes Design, gute Strategie, vor allem aber viel Geld gar nicht möglich, eine solch großartige Karriere zu machen. Und dieses Geld wird hierzulande einfach nicht investiert.
Experten meinen, dass man zum Aufbau einer globalen Marke 50 bis 80 Millionen Euro benötigt. Ist es überhaupt realistisch, dass Österreich je wieder ein namhaftes Label haben wird?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Von Österreich aus kann man definitiv keinen großen Namen hervorbringen. Wir haben gar nicht die Investorenstruktur, um so viel Geld in Designer zu stecken. Wir werden sehen, ob es Peter Pilotto in London schafft – dort wird genau an solchen Investorenprojekten gearbeitet. Da wurde mit dem Center for Fashion Enterprise, das auch einen breit gefächerten Mode-Investment-Fonds auf die Beine gestellt hat, in die richtige Richtung gearbeitet.
Ist Modeförderung in einem Land ohne nennenswerte Produktion bzw. Industrie langfristig überhaupt möglich?
Andreas Oberkanins: Wir denken, es ist nicht so sehr notwendig, dass die Serienproduktion zwangsläufig in Österreich vorhanden ist. Es gibt Spitzenproduktionen in Italien und Spanien, günstigere Produktionsstätten auch bei unseren östlichen Nachbarn. Dieses Knowhow und diese Kapazitäten kann man zukaufen, es wäre aber wichtig, eine Art One-Stop-Shop in Wien zu platzieren, wo die Themen Musterung, Schnitt und Prototypen Platz finden und wo eine Anbindung an die Serienproduktion erfolgen kann.
Unit F und das Festival waren sehr erfolgreich. Warum haben Sie sich dennoch entschlossen, damit aufzuhören?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Nach 13 Jahren geht einem einerseits die Energie etwas aus, andererseits haben sich die Interessen in eine andere Richtung entwickelt. Wir werden in Zukunft weiter mit einigen Partnern zusammenarbeiten, wobei das Thema Mode natürlich in unserer neuen Firma weiterhin einen großen Platz haben wird.
Andreas Oberkanins: Es ist auch so, dass wir das mit den zur Verfügung stehenden Mitteln Mögliche ausgereizt haben. Für neue Projekte, von denen wir wissen, dass sie notwendig wären, bräuchte es neue Commitments und einen Schulterschluss der österreichischen Modeförderer. Dann wären große Schritte möglich.
Worauf in Ihrer Arbeit für Unit F sind Sie besonders stolz?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Im Moment haben wir wahrscheinlich noch nicht den gehörigen Abstand zu Unit F – wir sind ja noch zwei Monate in Amt und Würden (lacht) – ich denke, in ein paar Jahren werden wir unheimlich stolz auf die gesamte Arbeit sein.
Und woran haben Sie das Gefühl, gescheitert zu sein?
Ulrike Tschabitzer-Handler: Hmmm, gescheitert sind wir … ja, an was? Das kann ich auch erst in fünf Jahren sagen (lacht).
Am Schluss kommt in Fragebögen gerne die gute Fee: Welche Wünsche für die österreichische Modeszene hätten Sie?
Andreas Oberkanins: Dass sie sich ebenso toll weiter entwickelt wie bisher, und dafür wünsche ich vor allem auch unseren beiden Nachfolgerinnen, Camille Boyer und Maria Magdalena Agreiter von der Austrian Fashion Association, die im Jänner 2014 „übernehmen“, viel Glück und Durchhaltevermögen.
Text: Klaus Peter Vollmann